Motorradfahren im Gebirge trotz Höhenangst?

Vermutlich kann es nur der nachvollziehen, der es selbst erlebt hat: Höhenangst! – Kann man sich als Motorradfahrer trotz alledem in die Berge trauen?

Angetriggert durch einen Beitrag auf Mo’s Bike Blog finde ich’s an der Zeit, mich mit „Me Too“ zu outen.
>> Beitrag „Du MUSST die Berge lieben“ (www.mosbike.blog)

Viele Jahrzehnte wusste ich gar nicht, dass es so etwas wie Höhenangst überhaupt gibt.
Wie auch, wenn manFrau sich ausschließlich im Flachland tummelt?

Lang vor meiner aktiven Motorradzeit war es dann soweit:

Kaum hatte ich die zahlreichen Stufen der >> Düne von Pyla erklommen und blickte hoch oben zurück, mutierten meine Beine ohne Vorwarnung zu Wackelpudding!
Ohne die Möglichkeit, einige hundert Meter weiter weniger steil durch den tiefen Sand hinunterstapfen können, wäre ich wohl elendig auf dieser Anhöhe versauert…

Die Anti-Situation längst verdrängt, folgte das zweite einschneidende Erlebnis. – Tatort: Vogesen!
Während Norby sich knipsend in der Bergwelt austobt, rolle ich mit meiner Bandit auf einen großen Parkplatz und will gerade absteigen, als…
… ich schnalle, dass man von hier einen grandiosen Ausblick ins tief unten liegende Tal hat.
Und ZACK, da war es wieder:
Dieses überraschend einsetzende Knieschlottern, ohne die kleinste Chance, eigenständig vom Motorrad abzusteigen. – Was nun?
Handlungsunfähig verharrte ich auf meinem Mopped, bis Norby eeendlich eintrudelte und mir vom Bock half. *seufz-und-jetzt-noch-rot-anlauf*
Erst als er mein Mopped so drehte, dass ich den Abgrund nicht mehr sah, schaffte ich’s irgendwie wieder aufzusatteln und sah zu, schleunigst weg zu kommen!

Trotz Höhenangst in die Alpen?

Selbstredend plagte mich das Wissen um diesen „Tick“ auch vor meiner ersten Tour in die Alpen:
Um das Risiko einzugrenzen, bediente ich mich einer ausgeklügelten Vermeidungsstrategie und ein-zwei-drei-vier simplen Tricks.

Höhenangst? Pfeif doch drauf! – Die besten Tricks

Trick Nr. 1:

Buche Deine Unterkunft so geschickt, dass Du nicht schon bei der Anfahrt ’nen mittleren Koller kriegst!

Meide Hotels in „ach so hübschen“ Altstädten: Häufig schmiegen sich jene in winzige, steile Kopfsteinpflaster-Gassen! *Geht-gaaar-nicht!*

Tipp: Checke das Umfeld vorab per Google Street View. (Funktioniert zwar nicht in Östereich, dafür aber in Italien, Frankreich, Kroatien und und und…)

Für die allererste Dolo-Tour wählte ich übrigens ein Hotel in Tramin, einem hübschen Örtchen an der flachen Südtiroler Weinstraße. Von dort sind die einschlägigen Pässe gut erreichbar und falls Du Dich denn mit der Höhe so gar nicht anfreunden kannst, dümpelst Du halt die Weinstraße rauf und runter.

Trick Nr. 2:

Plane die Routen und studiere die Pässe!

Einfach fahren, statt groß zu planen? – Würde ich gern, funktioniert aber nicht!
Stets darauf bedacht zu sein, nur Passstraßen zu fahren, die nicht überfordern, ist sehr planungsaufwendig. Das nehm ich allerdings gern in Kauf.
Nutzt ja nix, sich selbst und andere unnötig zu gefährden!

Bei der Planung hilft der sogenannte „SG-Level“ (= Schwierigkeitsgrad) von „Denzel“, der wertvolle Hinweise zur Beschaffenheit einer Passstraße gibt.
[Detaillierte Infos dazu findest Du im >> Beitrag „Erste Motorradtour in die Berge: Tipps zur Tourenplanung“ (www.motorrado.de) [KLICK!]]

Bei der Tourenplanung achte ich darauf, maximal Alpenpässe mit Schwierigkeitsgrad „2-3“ auszuwählen und meist klappt es mit dieser Vorauswahl ziemlich gut.
Klar gibt’s auch mal Pisten mit der ein oder anderen steilen Passage oder spärlicher Randsicherung, aber immerhin ist das bei dem Level kein Dauerzustand!

Noch ein Tipp: Enthält eine Route schmale Passagen, plane sie – wenn Du kannst – so, dass Du an der Bergseite fährst und bei Gegenverkehr nicht am Abgrund stehen musst!

Mal gewinnt man, mal verliert man!

(frei nach einem sehr geschätzten Dauer-Mitfahrer…)

Für meinereiner jedenfalls Herausforderung genug und tatsächlich bin ich an mancher Passstraße à la SG 2-3 auch schon verzweifelt. Das passiert spätestens dann, wenn sich zu steilen Rechtskehren megamieser, geflickter Straßenbelag gesellt und meine Streety herumhüpft wie ein Känguru.

Trick Nr. 3:

Verkneif Dir den Blick in die Tiefe!

Versuche, bei „Zwangs-Stopps“ mit „ach so fantastischer Aussicht“, das Terrain zunächst nur oberflächlich zu scannen.

Halte, wenn irgend möglich, fernab des Abgrunds und bleibe mit starrem Blick auf dem Bock hocken, während Deine Mitfahrer beschwingt von ihren Moppeds hüpfen.


Atemberaubender Blick in die Tiefe: Nix für Höhenschisser!

Wichtig: Parke stets so, dass Du notfalls jederzeit ohne Rangiererei direkt durchstarten kannst!
MERKE: Fahrspaß-Adrenalin verdrängt Angst! 😉

Trick Nr. 4:

Lasse die Straße NIEmals aus den Augen!

Geht es mit unausweichlichem Blick in die Tiefe bergab, zwinge Dich, ausschließlich auf die nächste Kurve zu schauen!

Fahre durch und halte auf keinen Fall an! (Muss es doch mal sein, siehe Trick 3)

Wichtig: Ignoriere unbedingt den wohl gemeinten Ratschlag Deines Kurven-Trainers, möglichst WEIT voraus zu schauen. Natürlich sollst Du auch nicht Dein Vorderrad anstarren… Fixiere stattdessen (ausschließlich) den weitesten entfernten Punkt des Asphalts und lasse diesen keinesfalls aus den Augen!

Wahrscheinlich durchfährst Du die Kehren daraufhin weniger elegant und geschmeidig als Deine Mitfahrer, aber egal: Hauptsache, Du kommst ohne Panik-Attacke heil unten an. Genau dort darfst Du Dir dann stolz wie Oskar auf die Schulter klopfen! 😉

Achtung!

Glücklicherweise äußert sich die Höhenangst bei meinereiner lediglich durch wegknickende Pudding-Beine. Wer unter schlimmeren Panik-Attacken leidet, wird mit den Tricks möglicherweise nicht glücklich und bleibt der Bergwelt vielleicht doch lieber fern…

Höhenangst: Nur eine Macke?

Laut Statistik sind lediglich 5 Prozent der Bevölkerung von „Akrophobie“ betroffen.
Rechne also damit, fast ausschließlich von jedem wegen Deiner „Macke“ belächelt zu werden.

Mach Dir nix draus und lass sich die anderen ruhig ihre Mäuler zerreißen, von wegen „DIE, die – „wegen des Internets“ – den Berg nicht fährt! *PAH!*

Vom Berghasser zum Pässe-Fan?

Vor meiner ersten Alpen-Tour lautete mein Forums-Profil-Spruch: „Warum müssen die schönsten Kurven nur in diesen bescheuerten Bergen liegen?“
Natürlich war DAS der Startschuss für all die Lästermäuler „da draußen“ und prompt erntete ich intolerante Reaktionen de Luxe.

Hätte ich bei meinem Bergziegen-Debüt – der Dolo-Tour 2011 – keinen so netten, rücksichtsvollen Trupp bei mir gehabt, wäre es vermutlich mein erster und einziger Ausflug ins Gebirge geworden. So aber wurde ich bei der Tour richtiggehend angefixt!
[Wie es war, könnt Ihr hier nachlesen: >> Beitrag „Motorradtour nach Südtirol: Mein Debüt als Bergziege“ (www.motorrado.de) [KLICK!]]

Heute lächel ich auch über einstige Fragen wie: „Was bringt’s Euch denn, ultralahm durch irgendwelche beknackten Kehren zu eiern?“
und würde sie wie folgt beantworten:

Ich LIEBE es, Pässe zu fahren, weil mich die Herausforderung reizt:
Bist Du die Kehren „rund“ gefahren und erreichst die Passhöhe, stellt sich ein unbeschreibliches Glücksgefühl ein! 😉
(PS: Andere schwören übrigens auf die dortige Aussicht…)

Bist auch Du ein Höhenschisser und hast Tipps parat?

Hinterlasse gern einen Kommentar!

 

 

Susy
Susy
Geboren "Anno Pief", im zarten Alter von vierzehn mit dem Mopped-Fieber infiziert und eine gefühlte Ewigkeit um den Moppedschein gekämpft. Mit sechzehn zunächst an der unendlichen Macht ihrer Ernährer gescheitert, mit achtzehn aber (endlich!) erfolgreich. *YEAH!* Danach leider nie aktiv gefahren und den Virus eine halbe Ewigkeit erfolgreich verdrängt - Bis er 2004 umso heftiger wieder ausbrach. Seitdem irgendwie unheilbar krank dem Moppedwahn verfallen... :-)
http://www.motorrado.de

2 thoughts on “Motorradfahren im Gebirge trotz Höhenangst?

  1. Hoi Susy,
    lange ist’s her, knapp 25 Jahre, als ich auf meinen ersten Fahrten auf das Stilfserjoch immer 2 Schlüsselstellen überwinden musste: den Abbruch gleich hinter dem „Weißen Knott“ sowie die schmale Stelle in zwischen Kehre 6 & 7, wo die Begrenzungsmauer von einer Lawine weggerissen worden war.
    „Schlüsselstellen“? Ja, weil auch ich unter Höhenangst leide und den ungesicherten Blick in die Tiefe nicht ertrage .. Es hat sich aber in den letzten Jahren gebessert: ich kann an der Kante des Tibet-Parkplatzes stehen und die Aussicht geniessen. Unvorbereitet, stellen mich grosse Höhen aber immer noch vor grosse Herausforderungen ..

    Finde ich sehr interessant, wie und wie sehr Du Dich mit dieser Angst beschäftigst – Respekt!!

    Viele Grüsse aus den hohen Bergen *g*
    Jürgen von Motorprosa

    1. Hallo Jürgen,
      erstaunlich, dass selbst „Bergleute“ wie Deinereiner mit Höhe zu kämpfen haben und Hut ab, dass Du trotzdem das Stilfser fährst (und dann auch noch zusättzlich mit dem Rad!)
      Diesen Berg würde ich mir vermutlich maximal dann antun, wenn ich die Straße komplett für mich allein hätte…
      Wie hast Du die Angst überwunden?
      LG
      Susy

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